Das trunkene Schiff

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Das trunkene Schiff

Es gilt, von einer grafisch-literarischen Kostbarkeit zu berichten. Im Verlag hibana ist das wundervolle Gedicht „Das trunkene Schiff“ des französischen Dichters Jean-Arthur Rimbaud mit kongenialen Zeichnungen des in Giengen an der Brenz lebenden Künstlers Max P. Häring erschienen.

   Für den österreichisch-britischen Schriftsteller Stefan Zweig („Schachnovelle“) ist „Bateau Ivre“ das bedeutendste Gedicht der französischen Literatur. „Mehr Knabe noch als Jüngling“ habe Rimbaud „diesen titanischen Traum, Revolte der Farben und fantastische Symphonie fiebernder Worte“ geschaffen. In der Tat fesselt einen dieses umfangreiche Poem in der deutschen Übersetzung des Dramatikers und Lyrikers Paul Zech von der ersten Zeile an. Dieser hat das Epos auch dramatisiert. 1926 ist es in einer Inszenierung von Erwin Piscator in Berlin aufgeführt worden.

   „Der Dichter macht sich zum Seher durch eine lange, ungeheure und wohlüberlegte Entregelung aller Sinne. Alle Formen der Liebe, der Leiden, des Wahnsinns; er sucht selber, er erschöpft in sich alle Gifte, um nur deren Quintessenzen zu bewahren“. Mit diesen Zeilen Rimbauds, mit denen er sein Selbstverständnis als Dichter beschreibt, werden die Texte des 74 Seiten schmalen Bandes eröffnet. Neben dem Text von Stefan Zweig enthält der Band noch eine Lebensbeschreibung des Dichters und Übersetzers Paul Zech. Dessen im Sauerland lebender Kollege Hans Therre steuert unter den Schlagworten „Poesie / Revolte / Sex“ „Zündsätzliches zu Rimbauds Poesie“ bei - ein semantischer Parforceritt.

   Schlägt man das Buch auf, fällt der Blick auf der zweiten, einer schwarzen Seite, auf die Zeichnung einer auf dem Rücken liegenden Gestalt. Sie scheint sich aufzulösen in einem sie umgebenden Weiß. Dieses Weiß verselbständigt sich in Chiffren, die das Schwarz erhellen. Die Zeichnungen des mit verschiedenen Prerisen ausgezeichneten Max P. Härings begleiten das Gedicht Rimbauds, sie illustrieren nicht. Der Dichter segelt als „vom Schicksal zum Seemann erhoben“ durch die Wellenberge und Untiefen des Lebens. Lamento und Lobgesang in einem. Das Schiff steht für das lyrische Ich. Furios.

   Mit 23 Jahren ist der Franzose schon in der ganzen Welt unterwegs gewesen; „hatte niedrigste Handlangerarbeit verrichtet, kannte schon die harte Streu der Gefängnisse, die Schauer des Urwalds“, schildert Stefan Zweig. Zu jener Zeit wollte er von der Dichtkunst nichts mehr wissen, die ihn mit 15 berühmt gemacht hatte. Sein Lehrer schildert ihn in Zweigs Aufzeichnungen als „frühreif, jähzornig, brutal, durchaus männlich, ein Kerl mit großen, derben Fäusten, ein wenig Muskelmensch“.

   Häring greift die poetischen visionären Beschreibungen auf, stellt die Welt auf den Kopf. Durch den Himmel schwimmen Fische, fliegen Vögel über einer hügeligen Landschaft. Die reale Wirklichkeit verabschiedet sich in ein Abstraktum, in dem alles möglich scheint. Was Max P. Häring hier mit dem Zeichenstift in diffuse Form bringt, erzählt von der Mühsal, die Fülle zu schaffen, an Sisyphos. Mit einem entscheidenden Unterschied. Sein Felsbrocken bleibt oben liegen. Der brillante Maler ist auch ein Magier des Zeichenstifts. Auf einem Wellenberg tanzt ein Schiff, aus dessen Seiten Ruder ragen wie auf einer Galeere. Angegriffen von großen Fischen, denen ein Pfeil den Weg zu weisen scheint.

   Die doppelseitigen Zeichnungen kommentieren die Verse, greifen „der Walfische Spur“ auf. Eine Ahnung von Kontinenten taucht auf, während das Schiff wie der alte Flussdampfer in Werner Herzogs Film „Fitzcarraldo“ durch den Urwald „schwimmt“, umgeben von allerlei Getier. Manches erinnert auch an den Zug der Lemminge, die sich in Schluchten stürzen. Max P. Häring entwirft in weißlichen, grauen und dunklen Strukturen und Segmenten dramatische Landschaften und tosende Seestücke, nicht zu vergessen die Majestät zweier im Meer treibender Eisberge. Das letzte Bild zeigt das kaputte Schiff in einem hellen Licht; ein Symbol für den Dichter Arthur Rimbaud, der mit 37 Jahren in Marseille an Knochenkrebs gestorben ist.

Jean-Arthur Rimbaud: Das Trunkene Schiff, mit Zeichnungen von Max P. Häring; Edition Hibana, 2023, ISBN: 978-3-9822910-0-0 

 

Wolfgang Nußbaumer

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