Der bekennende Kleinbürger Walser

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Der bekennende Kleinbürger Walser

Ist Martin Walser der ewige Kleinbürger? Weil er einen großen Teil seines Personals in den zahlreichen Romanen aus dieser Spezies rekrutiert?

   Angefangen bei den „Ehen in Philippsburg“ bis zu dem 2018 erschienenen „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“. In der Gestalt des Oberregierungsrats a.D. Justus Mall hat sich, so der aus Aalen auf der Ostalb stammende Literaturkritiker Jochen Hieber, der „bekennende Kleinbürger Walser“ zur Personifikation des Romantikers schlechthin gemausert. Wie der inzwischen 95 Jahre alte Schriftsteller diesen Weg beschritten und gemeistert hat, beschreibt und analysiert Hieber in seinem dieser Tage veröffentlichten Buch „Martin Walser. Der Romantiker vom Bodensee“ mit breitem Wissen und würziger Detailkenntnis.

   Dessen Lebensthema „Deutschland“ zieht sich als roter Faden durch den 336 starke Seiten fassenden Band. Von 1949 an sei „der Kleinbürger Walser fünf Jahrzehnte lang den Weg des realistischen Erzählens wie des engagierten Redens und Reflektierens gegangen“. Die Charakterisierung als Kleinbürger ist bei Hieber natürlich nicht als Herabwürdigung gedacht. Sie bezieht sich in erster Linie auf seine Herkunft; der Dichter ist als Sohn eines Gastwirts in Wasserburg am Bodensee geboren. Und sie ist historisch geerdet. Weniger als Biographie gedacht, konzentriert sich der Autor auf die späteren Arbeiten Walsers und sein Spätwerk. Die Liste von dessen Veröffentlichungen gibt nicht nur Jochen Hieber Anlass, sich zu wundern. Er konstatiert, dass der „deutsche Schreibmeister“ in der englischsprachigen Welt „eine Randerscheinung“ geblieben sei. Unerwähnt in der Encyclopaedia Britannica in deren Überblicksartikel über die deutschsprachige Literatur von 1945 bis zur Jahrtausendwende. Für Hieber „ein Skandal“. Wo doch Walser ein „Weltverworter, wie es wenige gibt“ sei. Vielleicht kann auch diese Beobachtung als Begründung für die Missachtung des großen Literaten vom Bodensee dienen: „Dass Kleinbürger keine Kleinbürger sein wollen, dafür andere Kleinbürger als Kleinbürger beschimpfen, ist eine Konstante (…) in und für Walsers Vita“. Eine Erklärung, dass Walser in der Encyclopaedia nicht vorkommt, könnte in dem Spezifikum seines Schreibens liegen, das so sehr deutsche Befindlichkeiten und Charaktere beschreibt, die eben nicht ins Allgemeine überhöht werden können.

   Was dieses Buch sehr sympathisch macht, ist Hiebers Offenheit, mit der er seine Jugend in Aalen mit seiner Walserrezeption verschränkt. Aufgewachsen in einem „Kleinbürgerhaushalt im schwäbischen Aalen“, hat er bei einem Aushilfsjob als Schüler in einer Buchhandlung Lesefutter und damit die Liebe zu Büchern für sich entdeckt. Er kauft sich dort eine Sammlung von Walser-Aufsätzen, darin „Hölderlin auf dem Dachboden“, der ihn sofort „elektrisiert“. Wie der junge Bursche aus dem Dachfenster im elterlichen Haus in Wasserburg blickte und genau das sehen konnte, „was Hölderlins Elegie „Heimkunft“ beschreibt, besingt, beschwört“. Für Hieber ist dieser Aufsatz „ein triumphales Manifest für das Unmittelbare des poetischen Erlebens“.

   Ein anderer Text wird später prägend für seine intensive Beschäftigung mit dem Schriftsteller. Walsers Aufsatz im ersten „Kursbuch“ das der zwei Jahre jüngere Hans Magnus Enzensberger herausgibt: „Unser Auschwitz“. Darin reflektiert er den Prozess, den er Ende Februar 1964 einige Tage lang beobachtet hat. In seiner Essenz findet er sich in der Paulskirchenrede wieder, die der Dichter anno 1998 anlässlich der Verleihung des „Friedenspreises des deutschen Buchhandels“ an ihn gehalten hat. Betrachtet man den Holocaust unter Walsers Mantra „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr“ fällt einem allerdings zum Gegenteil nichts ein. Er ist singulär in jeder Beziehung.

Abwegiger Vorwurf

   Nichts anderes hat Walser in seiner Dankrede zum Friedenspreis gesagt. Allerdings in einer verklausulierten Form, die etwas an die Rede des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger am 10. November 1988 im deutschen Bundestag erinnert, als er mit falscher Betonung und falscher Gewichtung das Verhältnis der Deutschen im 3. Reich zu Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus beschrieben hat. Zusammen mit seinem Roman „Tod eines Kritikers“, in dem er sein Mütchen an der Literaturkritikerinstanz Marcel Reich-Ranicki kühlt (für Hieber „eine Satire, die in mancherlei Geschmacklosigkeiten (…) zu versanden droht), trägt ihm das den in der Sache durch nichts begründeten Vorwurf ein, ein „Antisemit“ zu sein. Neben anderen hat diese Unterstellung der aus der Nähe von Ellwangen stammende und in Heidelberg lehrende Germanist Helmuth Kiesel, der die zwölfbändige Werkausgabe betreut, als „abwegig“ zurückgewiesen. Jochen Hieber konstatiert: „Es ist und bleibt also das Kreuz mit dieser Rede, dass sie manches Richtige entweder ganz falsch sagt oder nebulös verklausuliert.“

   Die Breitseiten, die der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, und der Feuilleton-Herausgeber der F.A.Z., Frank Schirrmacher, neben anderen gegen ihn abfeuern, verfehlen ihre Wirkung nicht. Auch Walsers langjährige Freundin Ruth Klüger - ihr Buch „weiter leben“ ist für Hieber „ein Klassiker der deutschsprachigen Holocaust-Literatur“ - wendet sich von ihm ab, nachdem der „Tod eines Kritikers“ erschienen ist. Sie wirft ihm die „Darstellung eines Kritikers als jüdisches Scheusal“ vor und wendet sich „mit Ekel“ ab vor dem „Gift, das dir hier aus der Feder floß“, wie der Autor schreibt. Der Vorwurf, in seinem Roman antisemitisch geschrieben zu haben, habe Walser tief getroffen. Für ihn sei es „der wirkliche Tief- und Schmerzpunkt meiner sogenannten Laufbahn“. Dass Reich-Ranicki im August 1998 im „Literarischen Quartett“, das über seinen Kindheits- und Jugendroman „Ein springender Brunnen“ diskutiert, sehr deftig behauptet „erzählen kann er ums Verrecken nicht!“, stößt bei Hieber auf völliges Unverständnis. Während er „zunehmend enthusiastisch“ bei der Lektüre reagiert, zeigt sich MRR „angewidert“. Von da an ist auch das Verhältnis zwischen den beiden Kritikern eingetrübt.

   Zurück zum Romantiker Walser. Seine Walderfahrung, der Topos für die deutsche Romantik schlechthin, hat er nur sechs Monate lang als Gebirgsjäger der Wehrmacht im Kufsteiner Land gemacht. Wobei das Leben als Soldat selten romantische Züge trägt. Ob er sich dabei wie Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ gefühlt hat? Mit weitem Blick über die Bergwelt, die daraus auftaucht? Eher nicht, denn Walser ist ein Dichter der Ebene, der Stadtlandschaften und des Wassers. Sein Meer ist der Bodensee. Im Gegensatz auch zu dem Amerikaner Henry David Thoreau, der sich im März 1845 in die Waldeinsamkeit zurückgezogen hat. Warum? „Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte“.

Meister der Sprache

   In seiner Wortmächtigkeit hat Walser ein Pendant in dem 1877 geborenen jüdischen Dichter Rudolf Borchardt. Über ihn schreibt der deutsche Germanist und Literaturkritiker Richard Alewyn (hier zitiert aus dem bei Knaus erschienenen Buch von Friedmar Apel: Deutscher Geist und Deutsche Landschaft. Eine Topographie). Er war „einer der wenigen deutschen Meister der Sprache, ihr ehrfürchtigster Diener, ihr durchtriebenster Kenner und besessenster Liebhaber, ein Philologe im entsagendsten wie im leidenschaftlichsten Sinne, ein Geist, der bei der unschuldigsten Berührung Worte auszuspeien beginnt, Gewitter, Eruptionen, Katarakte von Worten, die mit der Naturgewalt wohl die Unaufhaltsamkeit teilen, aber weder die Blindheit noch die Rohheit.“ Landschaft und Dichtung gehören für diesen Dichter zusammen. „Der Deutsche in der Landschaft“ hat Apel dieses Porträt überschrieben.

   Dass der „Weltverworter“ Martin Walser in seinem Buch nicht auftaucht, hat seinen Grund sicher in dessen Landschaftsferne. Er sucht und findet den deutschen Geist als jenen des Kleinbürgers in den Städten. Unter ihnen ist der Chauffeur Xaver Zürn Hiebers liebster „Held“. Chauffeur? Hieber zitiert dazu Walser aus dessen 1992 verfassten Essay „Warum brauchen Romanhelden Berufe?“ „Der Roman will nichts beweisen, er will nur etwas, was einem passiert ist, so lange umerzählen, bis das Geschehene nicht mehr so wirkt wie in Wirklichkeit, sondern so, wie man es selber ertragen kann.“ Insofern ist Martin Walser nicht nur ein Weltverworter, sondern auch ein Welterträglichmacher. Und für Jochen Hieber ist in diesem Satz „existenziell betrachtet der ganze Walser“ zusammengefasst. Sein persönliches Resümee, das der Kritiker nach seiner Analyse über Walsers Werk zieht, lautet logischerweise, es sei „das Manifest des Romantischen“. Was er überzeugend nachgewiesen hat.

Wolfgang Nußbaumer

Jochen Hieber: Martin Walser. Der Romantiker vom Bodensee, wbg Theiss, Darmstadt 2022, ISBN 978-3-8062-4355-0          

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