Der Wahnsinn: Niedeckens BAP Empfehlung

Wolfgang Niedecken und seine drei Blechbläser. Wolfgang Niedecken und seine drei Blechbläser. Fotos: Holger Bewersdorf

Der Mann ist 74 Jahre alt. Und er steht weit über drei Stunden auf der Bühne. Pausenlos. Diese Legende lebt. Und wie. Wolfgang Niedecken rockt beim Festival zum wiederholten Mal mit seiner Band Schloss Kapfenburg. Ein Heimspiel für das Energiebündel aus Köln.

   Kein Song jünger als 40 Jahre, verspricht er zu Beginn seiner „Zeitreise“ in die Vergangenheit. Ein Rückblick im Song-ICE, denn die neunköpfige Truppe macht von Anfang an Tempo. Alt mögen die Titel ja sein, von angestaubt jedoch keine Spur. Niedecken stammt aus der Südstadt. Klar, dass er mit dem Song „Südstadt verzäll nix“ loslegt. Dort ist zwar seine Heimat, doch auf Schloss Kapfenburg ist für den Opa von drei Enkeln „wie nach Hause kommen“.

   Ganz aus dem Häuschen sind auch gleich die Fans, die dicht gedrängt vor der Bühne ihrem Idol zujubeln. „Nemm mich met“ muss er nicht zweimal sagen. Sie sind dabei, schwenken die Arme zu den Liedern von der Scheibe „Zwesche Salzjebäck und Bier“, schunkeln und singen mit, wo es was zu singen gibt. Absolut textsicher. In Begleitung von zwei Blockflöten darf der „Müsli Man“ seiner Wege gehen. „Zehnter Juni“ ist der Protestsong zur Demonstration gegen die Nachrüstung der NATO anno 1982. Und in der „Kristallnaach“ warnt er ebenfalls eindringlich vor den Folgen eines politischen Rechtsrucks.

   Wolfgang Niedecken kann großartig erzählen. Deshalb hört man ihm auch gerne zu, wenn er die Geschichten hinter den Liedern erzählt. Wie die vom Obdachlosen „Jupp“, der in Katmandu mit zwei Yetis Skat gespielt hat, aber von „Stalingrad“ nichts erzählt. „Jupp“, einer der zu Herzen gehenden Klassiker, den der brillante Gitarrist Ulrich Rode („unser Kapellmeister“, stellt ihn Niedecken vor) mit einem fulminanten Solo einleitet. Wo der „Jupp“ auftaucht, darf die „Anna“ nicht fehlen. Sie besingt der Frontmann erst im ausgedehnten Zugabenblock. Zuvor begleitet das Publikum Wolfgang Niedecken noch in den „Waschsalon“ und in das “Bahnhofskino“. Ja die gute alte Zeit.

 

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Die dicht gedrängt vor der Bühne stehenden Fans applaudierenn ihrem Idol.

 

   Der BAP-Boss ist jedoch alles andere als ein Nostalgiker. Er blickt nach vorne. Bricht eine Lanze für den Klimaschutz, warnt vor rechter Gewalt und wirft einen kritischen Blick auf Gaza. „Es gilt, den Kippmoment nicht zu verpassen“, mahnt er, weil dann nichts mehr unumkehrbar sei.

   Bevor später die „Alexandra“ mit großem Gebläse den Rock wieder auf die Bühne zurückbringt, kredenzt Niedecken zusammen mit der Multiinstrumentalistin Anne de Wolff den „LiebesliederimSitzen“-Block. Mit griechischem Flair, wo in „Eins für Carmen un en Insel“ „nur paar Zikade“ warten, dass der Gitarrist „en Melodie“ klimpert.

   Nach diesem Ruhepol macht sich die Band zum ausgedehnten Endspurt auf. In „Verdamp lang her“ denkt Niedecken über seinen Vater nach und sein Verhältnis zu ihm. Nicht lustig, aber exemplarisch für so manchen. Als er die anrührende Ballade „Do kanns zaubere“ ankündigt, erinnert er sich, wie vor über 40 Jahren die Fans noch ganz analog Wunderkerzen angezündet haben. Und was passiert? Zu den Handylampen versprühen ein paar Dutzend Kerzen ihre Funken. Die wahren Fans sind eben gut präpariert. Ulrich Rode, Werner Kopal am E-Bass, der grundsolide Drummer Sönke Reich, Keyboarder Michael Nass, Anne de Wolff, der Saxophonist und Gitarrist Axel Müller, der Trompeter Benny Brown und Johannes Göltz an der Posaune haben sich die Anerkennung der Fans redlich verdient.

    „Wie ‘ne Stein“ geht’s im „Hurricane“ „Jraaduss“. Es ist der absolute „Wahnsinn“, wie die Band nochmals durchstartet. „Häng de Fahn eruss“ singt Wolfgang Niedecken vor „Et letzte Leed“. Und dann ist wirklich Schluss. Fast. Mit der sanften Ballade „Helfe kann dir keiner“ schickt die Band ihr glückliches Publikum auf den Heimweg.

Wolfgang Nußbaumer  

(26.07.2025)  

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