Die Lust an der Sprache

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Die Lust an der Sprache
„Welcome home“. So beginnt und so endet der feinfühlige Roman von Pascal Mercier. London - Triest - London. Dazwischen liegt ein ganzes Leben, das aufgrund einer ärztlichen Fehldiagnose eine abrupte Volte schlägt.
   Der Protagonist Simon Leyland ist Übersetzer, der mit Hingabe und Passion für die Sprache und die Figuren der literarischen Vorlagen lebt. Leidenschaftlich sucht er nach adäquaten Übertragungen von der einen Sprache in die andere. Wie klingt die Stimme der Figur in der anderen Sprache? Leyland hatte sich als Jugendlicher vorgenommen, alle Sprachen der Mittelmeeranrainerstaaten zu lernen. Sein Gespür für Sprachen und deren Musikalität und Poesie leitet ihn beim Übersetzen aus dem Italienischen ins Englische und umgekehrt. Das sind die beiden Sprachen, die er meisterhaft beherrscht. 
 
   Scheinbar komfortabel hat er sich eingerichtet in seinem Leben. Er meistert Dinge, die er sich autodidaktisch mit Beharrlichkeit angeeignet hat. Erfolgreich nimmt er den Platz seiner verstorbenen Frau Livia im geerbten Verlag ein. Dann kommt alles unvermittelt zum Stillstand. Ein Tumor wird seinem Leben innerhalb weniger Monate ein Ende setzen, so der ärztliche Befund. Was bleibt, ist, Zeit zum Abschied nehmen, solange er noch über die geistigen Fähigkeiten dazu verfügt. Er vertraut sich seinem Freund Pat, dem gewieften irischen Kellner, an. Von dessen Kontakten nach Kroatien verspricht er sich das erlösende Gift, mit dem er seinem Leben ein Ende setzen will, solange er noch dazu in der Lage ist. Schweren Herzens verkauft er den lieb gewordenen Verlag, das Vermächtnis seiner Frau und inzwischen sein Lebenswerk neben der Übersetzertätigkeit. 
 
   Mit dem jähen Ende seines Lebens konfrontiert, blickt er auf dieses zurück. Er legt Rechenschaft ab. Er tut dies in Briefen an seine Frau, zu der er ein inniges Verhältnis hatte, die ihm eine verständnisvolle Freundin und Gefährtin war. In den intimen Gesprächen mit ihr verschafft er sich Klarheit über sein Tun und seine Beweggründe. Ohne die Fiktion dieser vertrauten Gesprächspartnerin mit der Rückspiegelung seiner Gedanken würde ihm die Rückbesinnung und Zusammenfassung der Geschehnisse nicht so gut gelingen, davon ist er überzeugt. 
So nimmt die Erzählung im Roman ihren Lauf und wird noch einmal aufgegriffen in den Briefen. Die Doppelung erzeugt für die einen Leser einen intensiven Eindruck und eine Erinnerungs- und Orientierungshilfe beim Lesen, für die andern mag sie durch die Reduplikation retardierend oder enervierend wirken. 
 
   Nachdem der Verlag verkauft ist, kommt der große Schock. Die Ärzte im Krankenhaus merken, daß sie zwei Personendaten verwechselt haben. Der mit der vermeintlich harmlosen Diagnose ist verstorben, der andere mit dem prognostizierten Todesurteil, also Leyland lebt wie seither. Nach dem Empfang der Nachricht steht Leyland vor dem Scherbenhaufen seines zu Ende geglaubten Lebens. Wut über die ärztliche Unachtsamkeit steigt in ihm auf. Zehn Tage eher hätte er den Notariatsvertrag über den Verkauf seines Verlages noch rückabwickeln können.  Was nun? Ulm Abstand zu gewinnen fliegt er nach England und nimmt die Spuren seiner Anfänge in England auf.
   Es ist ein herausragend europäisches Buch durch die integrierten Sprachen und durch seine europäisch aufgestellten Protagonisten aus der bildungsbürgerlichen Mittelschicht. Finanziell meist gut gestellt, können sich die handelnden Personen eine gewisse Eigenständigkeit leisten und es sich erlauben, ihren Neigungen zu folgen. Leyland unterstützt und fördert unaufdringlich seine Autoren, seine Freunde und schließlich seinen britischen Verleger, dem er großzügig unter die Arme greift und ihn vor dem finanziellen Ruin rettet. Die Freundschaften halten die uneigennützigen Schenkungen aus. Die Personen erweisen sich charakterfest und von innerer Größe. Im Roman wirkt dies stimmig. Einem Realitätscheck würden so viel menschliche Größe und Einfühlungsvermögen wohl nicht standhalten. 
 
   Dabei ist das Verhältnis zwischen philosophischen Betrachtungen und dem Fortgang der Romanhandlung mit interessanten Begegnungen, ausgewogen und immer wieder von Neuem abwechslungsreich. Der Leser nimmt teil an Lebensschicksalen von Autoren, Verlegern, einem irischen Kellner, den es nach Triest verschlagen hat, einem Antiquariatshändler, der in einer bodenlosen Enttäuschung und eifersüchtigen Zornesaufwallung seinen Rivalen erschlagen hat und der seine Tat zehn Jahre lang im Knast abbüßt. Oder einem Apotheker, der seine Zulassung verloren hat, weil er arme Menschen auch ohne Rezept und Bezahlung mit lebenswichtigen Medikamenten versorgt hat. Leyland hat ein offenes Ohr für die beruflichen Nöte seiner beiden Kinder. Mit der Zunft der Juristen hadert der Sohn Sidney, seit er mit dem herzlosen Urteil zu einer Sterbehilfe konfrontiert wurde. Bereits seine Mutter empörte sich als Journalistin der französischen Le Monde über einen ähnlich gelagerten Fall in England. Sophia, die Tochter hat eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht und dann anschließend ein Studium zur Ärztin draufgesattelt. Sie kommt mit der Zunft der Weißkittel auch nicht zurecht. Der medizinische Jargon, Laborbefunde, Diagnosen, Arztbriefe gehe total am Patienten mit seinen Schmerzen und seinen Krankheiten vorbei. Im medizinischen Insidergespräch spiele der kranke Mensch nur eine unerhebliche Nebenrolle. Sie wehrt sich gegen den Allmachtsanspruch der Halbgötter in Weiß, deren Macht sich in der für den Kranken unverständlichen Sprache manifestiert und deren eitles Wissen man besser nicht hinterfrage. 
 
   Die Auseinandersetzung mit der Sprache setzt sich auch hier fort, in der Fachsprache und deren Funktion. Das Buch selbst ist in einer Sprache geschrieben, die verständlich und eingängig ist und literarisch nicht prätentiös. 
 
   Am Schluss gelingt dem Übersetzter Leyland, was er sich nie zugetraut hatte, eine eigene Erzählung anzufangen. Hatte er sich früher immer in sicheren Geleisen der  Vorlage gefunden, so wird der Leser jetzt Zeuge davon, wie ein Roman allmählich Gestalt annimmt. Er wohnt der Geburt der eigenständigen Kreativität bei. Aus einem anfänglichen Gedanken, dem Lebensüberdruss, entwickelt er eine Figur, findet einen Namen für sie, einen Lebensort, einen Beruf, ein Alter, eine Umgebung, erfindet Personen, die Bewegung in dessen Leben und die Fortentwicklung der Handlung bringen. In seiner Fantasie entspinnt sich der Faden, windet sich durch den Alltag des Erzählers, entwirrt sich aus einem verflochtenen Knäuel, gewinnt Struktur und beinahe ein Eigenleben. Für den Übersetzer eine spannende Erfahrung des schöpferischen Aktes, an der der Erzähler den Leser teilhaben lässt.
 
   Info: Pascal Mercier, Das Gewicht der Worte. München, Hanser 2020
 
Helga Widmaier 
 
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