Alles nicht lang her Empfehlung

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Schubart-Preisträger Daniel Kehlmann Schubart-Preisträger Daniel Kehlmann Foto: hag

„Heimat“ hat Nora Krug ihr Buch mit dem Untertitel „Ein deutsches Familienalbum“ überschrieben. Sie schürft darin nach ihrer eigenen Geschichte.

   Um Heimat und die Suche nach ihr geht es auch in Daniel Kehlmanns historischem Roman „Tyll“. Der Schubartpreisträger taucht darin tief in unsere Geschichte ein. Die rund 400 Menschen, die Sonntagmittag in der Stadthalle sehr aufmerksam den Lesungen der beiden lauschen, erfahren viel – auch über sich selbst.

   „Schuhe“ heißt das erste Kapitel dieses Schelmenromans programmatisch. Wir als Leserinnen und Leser treten hinein in diese Geschichten. Blut ist im Schuh; diese Erfahrung wird uns ab der von Tyll auf dem Hochseil angestifteten babylonischen Schuhverwirrung begleiten, wie im Märchen. Kehlmanns Buch mag mitunter märchenhafte Züge tragen, tatsächlich bleibt es immer ganz nahe dran an der Wirklichkeit. Ob alles wahr ist in dem Sinne, dass es der Wirklichkeit entspricht, hat keine Relevanz.

   Zu jener Zeit, in der Tyll unterwegs ist, überliefern Bücher wie Grimmelshausens „Simplicissimus“ die zeitgenössische Realität. Keine Bild- oder Tondokumente können uns ihr näherbringen. Es ist, wie es war – und es war, wie es ist. „Denn es ist alles nicht lang her“, endet das Schuhe-Kapitel. Nicht lange her ist der derbe Narrenspaß, noch weniger lange die Brandschatzung und Metzelei durch die Landsknechte, die der Heimat und dem Frohsinn ein Ende bereiten. „Denn es ist alles nicht lang her“, lautet die rückblickende Prophezeiung, die der zwielichtige Schelm wie ein Mantra vor sich herträgt.

   Jeffrey Eugenides beschreibt in seinem von überwältigender Fabulierkunst getragenen Roman „Middlesex“ über das Leben eines griechischen Geschwisterpaares, wie Mustafa Kemals Türken im September 1922 in Smyrna einmarschieren. Ein Soldat spießt mit seinem Bajonett ein Kind auf, das ihm die Tür öffnet, weil es meint, sein Vater, ein Arzt, stehe draußen. 500 Jahre zuvor hatte ein schwedischer Söldner vor der Tür gestanden – Geschichte wiederholt sich doch, immer wieder.

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Foto: Peter Schlipf

   Alles ist auch für Nora Krug noch nicht lange her. In einer alten Schachtel hat sie als Kind alte Fotografien von ihrem Onkel und Schulhefte mit verschiedenen Geschichten entdeckt. Er kam mit 18 Jahren als Soldat in Italien ums Leben. Die in New York lehrende Professorin für Illustration ist dort noch als Studentin von einer dem Holocaust entkommenen Jüdin gefragt worden, wie sie sich als Deutsche denn fühle. Da hat sie sich plötzlich unbehaust gefühlt, schuldlos schuldig, heimatlos.

   Deshalb beginnt sie, nach den Ursachen dieses Zustands zu forschen. Sie begibt sich auf ihren ganz persönlichen „Erinnerungsmarsch durch die Geschichte“, auf die Suche nach Heimat. In der Stadthalle liest sie mit klarer, emotionsloser Stimme das 3. Kapitel ihres mit sinnfälligen Illustrationen, Fotografien, handschriftlichen Dokumenten und eigenem Erzählen zu einer Schulfibel der unverzichtbaren Art gewordenen Buches: „Giftpilze“.  Es bezieht sich auf die Geschichte Nr. 11 ihres Onkels „Der Jude, ein Giftpilz“. Er war 13, als er sie schrieb. In Civitella della Chiana in der Toskana haben am 29. Juni 1944 Soldaten der deutschen Wehrmacht als Vergeltung für einen Partisanenanschlag 212 Zivilisten ermordet. Soviel zu den Giftpilzen.

   „Danke!“ sagt Nora Krug nachdem sie ihr Familienalbum zugeklappt hat. „Danke“ sagen auch wir. 

 

Wolfgang Nußbaumer   

  

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